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Antwort von Studierenden und AbsolventInnen der kath. Theologie auf das Memorandum Kirche 2011: Ein notwendiger Aufbruch
Das Memorandum „Kirche 2011: Ein notwendiger Aufbruch“, das von einigen Professoren und Professorinnen der kath. Theologie im deutschen Sprachraum unterzeichnet wurde, macht uns als Studierende und Absolventen der katholischen Theologie sehr betroffen.
Wir haben überlegt, ob und in welcher Form wir uns zu Wort melden sollen. (In der Benedikt-Regel heißt es ja, dass bei der Beratschlagung Gott auch „dem Jüngeren“ zuweilen eine Einsicht schenkt.) Wir können nicht anders, als unsere Enttäuschung über das „Memorandum“ zum Ausdruck zu bringen. Wir empfinden die Sprache als wenig differenziert und die Aussagen als pauschal. Auch die Art des Vorgehens hat uns befremdet. Es stellt sich uns die Frage: Ist das Theologie heute? Ist das die Weise, wie Theologen und Theologinnen sich zu Wort melden sollen? Ist dies das Bild von Theologie und ihren Repräsentanten, was wir anstreben, in Zukunft selbst zu werden? Nein. Und wir sind enttäuscht über die Professoren, die das kritische Hinterfragen, welches sie uns lehren, selbst nicht besser anwenden.
Die grundsätzliche Intention des Schreibens, dass die Kirche gerade von der Theologie Impulse zu einem „Aufbruch“ bekommen muss, sehen auch wir als dringend geboten im Hinblick auf einen „offenen Dialog“, sowie auf den „Mut zur Selbstkritik“. Wir finden es jedoch wenig zielführend, dass die verschiedenen inhaltlichen Ebenen, die hier differenziert zu thematisieren wären, ganz unakademisch vermischt werden.
Die Einleitung des Memorandums bringt zwei Aussagen zusammen. Die eine ist die Aufdeckung von sexuellem Missbrauch in der katholischen Kirche zu Beginn des Jahres 2010 und die andere die „beispiellose Krise“ der Kirche. Abgesehen von der Frage, ob die tatsächlich tief erschütternde Krise des letzten Jahres wirklich „beispiellos“ ist – ein Blick in die Kirchengeschichte lässt dies zumindest fraglich erscheinen – ist doch die hier vorgenommene kausale Verknüpfung nicht angemessen und eher beschämend. Wir können uns des Eindrucks nicht erwehren, dass der Skandal in der Kirche an dem (Gott-sei-Dank!) Fehler und Vergehen ans Tageslicht gekommen sind, jetzt dazu herhalten soll, damit nicht zusammenhängende und sich durchaus auf einer anderen Ebene der Diskussion befindende Themen zu „pushen“.
Im selben Absatz unmittelbar nach der Verbindung von Missbrauchsskandal und tiefer Krise der Kirche steht der „Aufruf zu einem offenen Dialog über Macht- und Kommunikationsstrukturen, über die Gestalt des kirchlichen Amtes und die Beteiligung der Gläubigen an der Verantwortung, über Moral und Sexualität“. Dies suggeriert, dass genau diese Punkte den Skandal hätten entstehen lassen und in der Folge, dass die Forderung nach „Reform“ in diesen Bereichen „die Kirche“ – welches Kirchenbild ist hier eigentlich zu finden? – retten könnten. Es ist mittlerweile schon oft darauf hingewiesen worden, dass derart erschreckende Zustände auch in anderen gesellschaftlichen Bereichen vorkommen. So schlimm diese Vergehen sind, so haben sie doch wenig mit den Forderungen zu tun.
Im nächsten Absatz betonen die Unterzeichner mit einem gewissen Pathos ihre Verantwortung, welche sie nicht schweigen lässt, „zu einem echten Neuanfang beizutragen.“ Es klingt heroisch, doch sehen wir darin viel mehr ein Missverstehen der Verantwortung der Theologie. Die Behauptung, für einen „echten“ Neuanfang zu sorgen lässt uns eher schmunzeln, denn es stellt sich die Frage, was denn ein „unechter“ Neuanfang wäre. So scheint bei vielen Formulierungen des Memorandums suggestive Rhetorik anstatt nüchterner Sachlichkeit und wissenschaftlicher Betrachtung angewandt zu sein.
Die Unterzeichner ermahnen die Kirche – wer ist angesprochen? – aus „verknöcherten Strukturen“ auszuziehen, um neue Lebenskraft und Glaubwürdigkeit zurückzugewinnen. Die meisten ihrer Forderungen beschränken sich jedoch auf strukturelle Maßnahmen. Die Struktur der Kirche hängt mit dem zusammen, was sie ist – der Inhalt bestimmt die Form. Es gibt sicher Dinge, die sich verändern können; aber man müsste fragen, welche Strukturen sich verändern können, so dass doch der Gehalt der gleiche bleibt, und welche nicht. Die Kirche ist ja nicht unsere Erfindung, sondern sie ist die Kirche Christi. Die Besinnung darauf haben wir in dem Memorandum vermisst. Wahre Reform passiert dort, wo Menschen von Christus gerufen werden, umkehren und Ihm nachfolgen. Wir sind dazu berufen, Christi Botschaft zu verkünden, doch sind wir zuerst berufen in Gemeinschaft mit Ihm zu sein. Was es braucht, ist eine Rückbesinnung auf das Haupt der Kirche, Jesus Christus. An seinem Leben sollen und dürfen wir uns orientieren. Jesus suchte in allen schwierigen Momenten die Stille und das persönliche Gebet zu seinem Vater. Mit Blick darauf lässt sich auch die Frage beantworten, was es in Momenten der Krise zu tun gilt. Im Ansatz des Memorandums mit all seinen Forderungen fehlen diese Aspekte jedoch völlig. Uns Theologen würde hier ein wenig mehr Demut gut tun vor dem Anspruch der Theologie als vernunftgemäßer Rede von Gott, die – wie Johann Baptist Metz es einmal formuliert hat – aus der „Rede zu Gott“ stammt.
Die Verfasser erheben den Vorwurf der „Abschottung“ und fordern auf zum „Mut zur Selbstkritik“. Aber wir möchten nachfragen, ob in ihrer Auffassung nur diejenigen zur „offenen Kommunikation“ bereit sind, die ihre Forderungspunkte annehmen? Aus unserer Sicht, der Sicht der jungen Generation, sind manche Themen schon längst nach allen Richtungen durchdiskutiert. Ist es denn der Sache angemessen, immer wieder bestimmte Forderungen vorzubringen, ohne dass dafür wirklich neue oder tiefere Argumente beigebracht würden, und ohne Berücksichtigung universalkirchlich getroffener Entscheidungen?
Die Unterzeichner monieren eine Diskrepanz zwischen „Selbst- und Fremdbild“ der Kirche. Doch welchen Beitrag leisten auch sie selbst dazu, dass die beiden Bilder so weit „auseinanderklaffen“? Wäre es nicht eine Aufgabe von Theologie, hier zu vermitteln? Glauben und Leben mit der Kirche als befreiend und der Würde des Menschen entsprechend aufzuzeigen?
„Die Kirche ist kein Selbstzweck. Sie hat den Auftrag, den befreienden und liebenden Gott Jesu Christi allen Menschen zu verkünden.“ Dies bezweifelt niemand, doch bedeutet es auch, dass sie nicht für eigene Interessen einer Gruppe verzweckt werden darf. Kirche ist gerade in Krisensituationen eine glaubwürdige Zeugin der Freiheitsbotschaft des Evangeliums, denn insbesondere dort weist sie über sich selbst hinaus, da sie sich Christus verdankt. Nicht wir erlösen die Menschen, sondern Christus durch seine Kirche. Darum kann die Botschaft, für die wir in der Kirche Verantwortung haben, auch nicht so lange adaptiert werden, bis sie für keinen Menschen, keine Gesellschaft oder Kultur mehr eine Herausforderung ist. Das würde heißen, das Salz schal werden zu lassen. Dass die Kirche dem ihr anvertrauten Wort verpflichtet ist und den Menschen, zu denen sie gesandt ist, ist gerade kein Gegensatz.
Das Handeln der Kirche steht „unter dem Anspruch, die Freiheit der Menschen als Geschöpfe Gottes anzuerkennen und zu fördern. Unbedingter Respekt vor jeder menschlichen Person, Achtung vor der Freiheit des Gewissens, Einsatz für Recht und Gerechtigkeit, Solidarität mit den Armen und Bedrängten: Das sind theologisch grundlegende Maßstäbe, die sich aus der Verpflichtung der Kirche auf das Evangelium ergeben.“ Dem ist voll und ganz zuzustimmen; doch lässt sich eine gewisse Einseitigkeit im Freiheitsverständnis feststellen. Denn Freiheit ohne Wahrheit gibt es nicht, will sie nicht zur orientierungslosen Beliebigkeit verkommen. Freiheit und Wahrheit sind so wesentlich miteinander verbunden, dass bei der Vernachlässigung eines von beiden beide zu Grunde gehen. Dieser Aspekt wird im Memorandum nicht berücksichtigt.
Die Betonung der Freiheitsbotschaft als „Maßstab für eine glaubwürdige Kirche“ versäumt zu erwähnen, dass Freiheit nie individuell geschehen kann, sondern sich immer in einer konkreten Gemeinschaft ereignet. Die Freiheit des Menschen ist geschichtlich gebundene Freiheit. Wir finden es erstaunlich, dass einige Professoren, von denen wir als ihre Studenten theologische Orientierung und eigenständiges Theologie-Treiben erwarten, die Lehre der Kirche offenbar als Angriff auf ihre Freiheit empfinden.
Die Mahnung zu Respekt vor der Freiheit des Gewissens wird in einem eigenen Punkt der sechs Forderungen konkret ausgefaltet. Die Absicht der Forderungen entspringt sicher der Wahrnehmung konkreter Leidsituationen von Menschen innerhalb der Kirche. Wird aber deren Durst nach der heilenden Liebe Gottes gestillt durch Anpassungen dieser Art? Es gilt immer, Menschen als von Gott geliebte Personen zu respektieren, sie anzunehmen und ihnen mit Liebe zu begegnen. Nach GS 16 ist sogar einem irrenden Gewissen zu folgen, das seine volle Würde behält. Das heißt aber nicht, dass das daraus entspringende Handeln richtig, befreiend und heilvoll für den Menschen selbst und seine Mitmenschen ist. Gewissen ist nicht das gleiche wie eine momentane subjektive Überzeugung. Daher ist es Aufgabe der Kirche und besonders der Theologie, Maßstäbe und Orientierungen herauszustellen, an denen das Gewissen sich so bilden kann, dass es den Menschen wirklich frei macht. Freiheit in diesem Sinne ist also nicht Willkür, sondern sie wächst durch die Bindung an Christus.
Das Kirchenbild, welches das Schreiben zeichnet, lässt uns die Kirche, wie wir sie wahrnehmen und erleben, nicht wiedererkennen. Aber auch die der Kirche vorgeworfene Lehre und Praxis spiegelt nicht das wider, was wir an der Kirche so lieben, und was uns überhaupt erst bewogen hat, Theologie zu studieren. Theologie als eigene Berufung innerhalb der Kirche hat für uns als auf der Offenbarung gegründete vernunftgemäße Rede von Gott eine Schönheit, einen Auftrag und eine Verantwortung, die es zu erhalten gilt. Theologie als Unterweisung, Durchdringung und Vertiefung der Offenbarung, die der Kirche als ganzer anvertraut ist, ist ein unersetzbarer Dienst innerhalb der Kirche. In Komplementarität zum Lehramt hilft sie mit, das anvertraute Glaubensgut herauszustellen, wo im Zusammenwirken von Vernunft und Glaube die Fülle der Wahrheit aufleuchtet, die Jesus Christus ist. Es ist zu betonen, dass dies ein Dienst in Demut ist, bei dem einem das eigene Zurückbleiben hinter dem Anspruch auch bewusst wird, und nicht Machtausübung.
Wünschenswert erscheint uns ein theologischer Dialog, der nicht durch voreingenommene, fast schon stereotype Formulierungen „die Kirche“ anprangert, sondern durch gemeinsames Hören auf die Wahrheit und die Herausforderungen der heutigen Zeit die Freiheitsbotschaft des Evangeliums aufscheinen lässt. Führen aber die sechs geforderten „Handlungsfelder“ des Schreibens wirklich zu einer glaubwürdigen Kirche, in welcher Nachfolge und Nachdenken, wacher Verstand und Glaube die Wahrheit den Menschen in Liebe näherbringt?
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